Die große Wiederbelebungsfeier
by Uwe Janssen, taken from die Hannoversche Allgemeine, 12th October 1998 (Hannover, Germany)
Blick zurück nach vorn: Depeche Mode begeistert 18.000 Menschen in der hannoverschen Messehalle 2
wie, das ist alles? Ein großes "D" links, ein großes "M" rechts, glühbirnenilluminiert, Jahrmarktcharme. Dazwischen eine kleine Leinwand. Fast schon unverschämt karg für eine Popshow der neunziger Jahre in dieser Dimension: 18.000 Menschen sind auf das hannoversche Messegelände gekommen, um eine Band zu erleben, von der es bis auf eine Single musikalisch nichts Neues gibt, die aber allein durch die Tatsache bemerkenswert ist, daß sie existiert: Depeche Mode.
Weg waren sie, jahrelang, Sänger David Gahan nach Selbstmordversuch und Drogenhölle schon so gut wie tot. Vielleicht ist deshalb jetzt alles fast wie damals, Gahan kreiselt agil wie eh und je mit seinem Mikrofonständer über die Bühne, sein zwischenzeitliches bewußtseinserweitertes Jesus-Outfit ist der Bubifrisur aus den Anfangstagen gewichen. Demonstrativ clean wirkt alles, das soll es wohl auch. Ohrenbetäubender Jubel, als das Trio nebst Ergänzungsspielern auf die Bühne tritt, ohrenbetäubender Jubel, als es mit "A Question Of Time" loslegt, ohrenbetäubender Jubel sowieso und immer und überhaupt.
Der Sound ist anfangs eine Zumutung, und das Bühnenoutfit - wie gesagt. Doch bei Wiederbelebungsfeiern wie dieser ist all das Nebensache. Entsprechend nahe liegt ein Best-of-Programm ohne Experimente, das klappt garantiert und paßt auch zur aktuellen Best-of-Platte ohne Experimente. Nichts, so kann man es auch sehen, soll an diesem Abend von den drei Herrschaften Gahan, Gore und Fletcher und ihrer Computermusik ablenken. Rückspiegel bitte!
Elektronik-Pop hat man das früher mal genannt, als es nur Kraftwerk und ein paar andere singende Menschenmaschinen gab. Und dann kamen die jungen, hübschen Burschen, fügten die Boyband-Komponente sowie zuckersüße Hüpfburg-Melodien wie "Just can`t get enough" hinzu und waren ihrer Zeit die ganzen Achtziger hindurch immer eine Nase voraus.
Mittlerweile sind Depeche Mode von denen, denen sie damals Inspiration waren, überholt worden. Ihre unmittelbare Impulskraft ist weg, doch für eine Retrospektive - wenn auch ohne die ganz alten Hits - schillert das "DM" nach so langer Abstinenz immer noch hell genug. Wenn man das Schaffen der Briten durch die Jahre verfolgt hat, verfehlen "Policy of Truth", "Enjoy the Silence", "A Question of Lust" oder "Personal Jesus" ihre Wirkung nicht, wobei der frenetische, herzliche Applaus bis in die letzte Ecke der Riesenhalle einen seltsamen Kontrast zu der kühlen Performance auf der Bühne darstellt. Ansagen sind Mangelware, das Licht wirkt kalt, selbst das Rot. Auch hier: Alles beim alten.
Da ist nur dieser eine Moment, als der blondgelockte Martin Gore im Zugabenteil die Klavierballade "Somebody" anstimmt, der Text aus ungefähr 18.000 Kehlen widerhallt und man mit der warmen Intimität dieses Augenblicks kaum umzugehen vermag. Das ist ja fast schon Rock'n'Roll, genau das, was Depeche Mode trotz Gitarre und Schlagzeug auf der Bühne nicht sein will und nie sein wird. Mit einem solchen Widerspruch wird das Konzert doch wohl nicht zu Ende gehen?! Nein, tut es nicht, am Schluß steht - "I just can´t get enough". Gott sei Dank.
Als Comeback war die Rückshow ein - wenn auch risikoloser - Treffer. Wenn aber Depeche Mode nicht zu einer Band von damals werden will, bei der man nur "DM" im Kopf behält, darf es beim nächsten Mal ruhig ein bißchen mehr sein.