Frenetisch gefeierte Depeche Mode in Leipzigs Messehalle 7

by Mark Daniel, 12th October 1998, taken from a German newspaper thanx a lot to Sweetest Perfection aka Susanne!

Triumph der Götter-
Dave und Co. bleiben in Mode

Schwermütig stöhnen die Synthesizer. Sirenenähnlich verkünden sie die Wiederkehr des "Personal Jesus". Und als Dave Gahans Silhouette endlich die Lichtsäulen durchbricht, schlägt der Fan-Unglaube um in orgiastische Erleichterung - Depeche Mode sind tatsächlich zurück! Gut vier Jahre nach dem Kollaps, der bandinternen Depression und dem Selbstmordversuch Gahans lassen sich die erstarkten Techno-Paten wieder auf der Tourbühne feiern. 9000 Jünger sanken beim Sonnabend-Konzert in Leipzigs Messehalle 7 in fiefste Glückseligkeit.
Abwesenheit steigert die Zuneigung: Die einst als harmlose Synthie-Popper abgekanzelten Männer aus Basildon haben es geschafft, die Begeisterung während ihrer Durststrecke zu konservieren - DeMo bleibt Mode. Ganz nebenbei weichen die Altersgrenzen der Fan-Gemeinde auf: Auch in Leipzig demonstrieren Spätpubertäre und Frühergraute, Milchgesichter und Faltenträger den Schulterschluß - am liebsten in schwarzen, speckigen Lederjacken.
Vielleicht macht gerade das durchlittene Martyrium der Briten, seit Alan Wilders Abschied nach der Tor-tour anno `94 nur noch zu dritt, die neue Faszination aus. Die Band hat nichts mehr zu tun mit den Elektro-Teddies der 80er-Dekade und atmet seit dem triumphalen Comeback den Hauch der Legende. Mehr denn je vereinen Depeche Mode Attribute wie Mystik, Schmerz, Tragik, Lebenskampf - und den Nachweis, letzteren gewinnen zu können.
Sänger Gahan wirkt mit altbekanntem Kurzhaarschnitt fast so jungenhaft wie zu Beginn der Karriere vor 17 Jahren; trotz so mancher Spuren im Gesicht. Im Tänzelschritt reckt er den Mikroständer wie eine Trophäe in die Höhe, räkelt sich lasziv, dreht zerhackte Pirouetten. Er und seine Kompagnons üben sich in kontrollierter Nähe zu ihren Anhängern und widerstehen der Versuchung, das Götter-Image mit großen Gesten zu zementieren - aus bitterer Erfahrung.
Spektakuläre Einlagen oder Reden haben Gahan & Co. eh nicht nötig; Rufe wie "Dänkaschon" oder "Yeah" genügen, um die Masse toben zu lassen, die frenetisch mitsingt und bei "Personal Jesus" den Chor stellt: "Reach out, touch me!" (Susanne&Petra: "me"<--falsch!!! Entweder "Dave" oder "faith"), hallt es gänsehautstimulierend. Apropos Background - die beiden federboa-behangenen Sängerinnen könnten sich Gahan, Gore und Fletcher sparen. (petra: so?????)
Ansonsten siegt das Rezept des Minimalismus: Nur die leuchtenden Band-Initiale und ein sparsam eingesetztes Videowand-Triptychon schmücken die Bühne; Martin Gore wirkt statisch wie stets, Andy Fletcher beweist am Keyboard höchstens die Biegsamkeit seiner Wirbelsäule.
Macht alles nichts - denn die Songs sind die Show. Fast jeder Hit der Briten genießt Hymnen-Status. Beim Spurt durch die Bandgeschichte wird nicht nur zu Klassikern wie "somebody", "question of lust", "I feel you" oder "policy of truth" haltlos abgefetet, sondern auch zu Stücken der jüngeren "Ultra"-Scheibe wie "it`s no good", "home", dem sperrigen "barrel of a gun". Und immer wieder winkt das Händemeer in Scheibenwischer-Manier.
Nach knapp zwei Stunden ist die DeMo-nstration vorbei, der vom Publikum sichtbar begeisterte Fletcher ballt jubelnd die Faust. Den difinitiven Schlußpunkt setzt absichtsvoll der Party-Garant "just can´t get enough". Soll heißen: Auch der melancholische "Personal Jesus" läßt sich nicht unterkriegen. Wenn alles gut geht, kommen Martin, Dave und Andy wieder. It`s just a question of time.