d e p e c h e m o d e

taken from Orkus, German music magazine #10, October 1998 by Charles Kinbote

Es grenzte schon fast an ein Wunder, daß sich Depeche Mode nach ihrer in gesundheitlicher Hinsicht desaströsen letzten Tournee überhaupt noch aufraffen konnten, "Ultra" einzuspielen. Aber ein noch größeres Wunder ist es, daß Martin Gore, Dave Gahan und Andy "Fletch" Fletcher im Fahrwasser der Singles-Sammlung "The Singles 86>98" sogar wieder ihren Tour-Bus besteigen.

Es braucht kaum mehr wiederholt zu werden: zum Ende der "Devotional Tour" kamen Depeche Mode so nah ans Ende, wie es nur möglich ist, ohne sich dabei die Flügel zu verbrennen. Nach 14 Monaten Hotel- und Busleben waren alle Batterien leer. Dave Gahan war nach einer einjährigen Heroinorgie auf der Fahrt ins Krankenhaus in Los Angeles fast gestorben. Der ansonsten kühle und kalkulierende Geschäftsmann Fletch hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten und die letzte USA-Etappe gar nicht mehr mitgemacht. Martin Gore war auch zweimal streßbedingt zusammengeklappt, und Alan Wilder schließlich warf das Handtuch. In der Folge bot das phönixartige, aus den vermeintlichen Ruinen der kaputten Band entsprungene Album "Ultra" sehr viel mehr, als wohl selbst die treuesten Fans gehofft hatten. Die Zusammenarbeit mit Tim Simenon hatte das musikalische Repertoire sogar um ein paar Klänge erweitert, so daß der Abgang von Alan Wilder plötzlich eher als ein Entwicklungsschritt erschien. Aber es verwunderte in keiner Weise, daß die Band zum Erscheinen von "Ultra" nicht mehr auf Tournee gehen wollte. Man hatte volles Verständnis dafür, daß sie sich nicht mehr den Verlockungen und Verführungen aussetzen wollte, denen sie beim vormaligen Durchgang so wenig zu widerstehen verstanden hatte. Umso erstaunlicher erscheint es, daß Depeche Mode nun doch wieder unterwegs sind - erstmal "nur kurz" von September bis Weihnachten in Europa (falsch!!!), danach "auch nicht lang" in den USA. Diesen Umschwung zu erklären, haben Martin Gore und Fletch ins Londoner Edelhotel gebeten, wo einst Michael Hutchence zum ersten Mal in Begleitung von Paula Yates beim Frühstücken ertappt wurde. Spätestens seit ihrer legendärerweise überbordenden USA-Orgie mit den berühmt-berüchtigten Feten-Kumpanen Primal Scream im Vorprogramm wissen auch sie beide, wie es ist, als Oberkellner des Exzesses durch die Gerüchteküche der Rockwelt gezerrt zu werden.
Diesmal wird ihnen bestimmt jeder Zöllner in die Koffer gucken wollen, ganz zu schweigen von sich durch Abfälle wühlenden Paparazzi. "Ach, das ist doch nur halb so schlimm", brummt Fletch erstaunlich gelassen. "Die Sache bei dem Gerede um uns ist die, daß die Geschichten ja stimmen. Es sind keine Lügen". Gore fällt ihm ins Wort: "Leider ist dieses Land vollkommen Boulevard-Medien-besessen. Wenn man da mal drin ist, dann bleibt man eine Weile drin. Die Geschichten werden bestimmt noch ein paarmal wiederholt werden". Und wieder Fletch: "Das Komische daran ist, daß wir, die wir die Vorfälle heute natürlich absolut schrecklich finden, davon letztlich wohl eher profitieren. So makaber das klingt - unsere Karriere hat davon bestimmt enorm profitiert. Ich bin überzeugt, daß die Nachfrage, die nach uns noch herrscht, viel mit diesen Wildheiten und Geschichten zu tun hat. Schau dir die Rolling Stones an! Die zehren noch jetzt, wo sie kaum 'normaler' daherkommen können, von einem Image, das vor zwanzig Jahren vielleicht einmal paßte. Verstehst Du, was ich meine? So etwas vertieft den Mythos einer Band, macht sie aufregender". Mit der pragmatischen These verkauft Fletch seine Kombo und den anhaltenden Respekt ihres Publikums bestimmt zu billig. "the singles 86>98" besteht aus der chronologisch angeordneten Abfolge von tja, den Singles der letzten zwölf Jahre eben - dazu kommen der nur in Frankreich als 12" erschienene Titel "Little 15" und "Everything Counts" (die Single-Auskopplung vom Live-Album "101"). Gerade durch diese chronologische Abfolge auf der Doppel-CD kommt stark zum Ausdruck, wie die Lieder von Depeche Mode über die Jahre hinweg immer interessanter geworden sind. Die Arrangements wurden dichter und subtiler, Gahans Gesang fand einen stärkeren Ausdruck, und die eigentlichen Lieder wurden beim Begehen des schmalen Weges zwischen Tiefgang und Popohrwurm immer sicherer. Entsprechend werden Depeche Mode heute nicht nur von vielen amerikanischen House-Künstlern als prägende Einflüsse zitiert, sondern vermögen etwa auch Fans von Bands wie Portishead mit ihrer starken Atmopshäre der Musik zu überzeugen. Da wirkt es fast schon ketzerisch, wenn Fletch meint, die Tatsache, daß zehn Tage vor Tour-Beginn schon fast alle europäischen Konzerte ausverkauft sind, hänge mit dem berühmt-berüchtigten Image seiner Kombo zusammen. Martin: "Es ist schon ein gutes Gefühl, wenn man nach fünf Jahren zurückkommt, und die Tickets gehen immer noch weg. Gerade jetzt, wo das Interesse an Live-Konzerten überall derart geschwunden ist". Fletch: "Natürlich sagen wir niemandem, daß wir alle Tickets selber gekauft haben. In Wirklichkeit spielen wir vor leeren Hallen. Das hat den großen Vorteil, daß wir uns das Üben sparen können".
Nichtsdestotrotz hat gerade auch die Ankündigung von "The Singles.." erneut zu Gerüchten geführt. Es ist bestimmt kein Wunder: solcherlei Sammelalben erscheinen ja meistens dann, wenn eine Band in den letzten Zügen liegt und noch ein allerletztes Mal abzocken will. Warum also - ist es etwa doch ein Schwanengesang? "Es waren einfach genug Singles da für eine Doppel-CD", erklärt Martin lapidar. "Und so schien uns der rechte Moment dafür gekommen. Wir hätten schon 1990 wieder eine einzelne Single-Sammlung herausgeben können, aber das wäre dann zu nahe an "101" gewesen. Nach "Faith & Devotion" erschien ja dann ein Live-Album, und so ging`s auch wieder nicht. Jetzt ist alles perfekt!. Auf der LP taucht auch ein neuer Song, bzw. eine neue Single auf - "Only When I Lose Myself". Ist dies ein Überbleibsel von den "Ultra"-Sessions, oder etwas Neues? "Das Lied wurde speziell für die LP geschrieben", erklärt Martin. "Eigentlich sind es drei neue Songs, aufgenommen wieder mit Tim Simenon. Sie sind alle auf der CD-Single, die wir eher als eine EP betrachten". Das zweite Lied, "Surrender", ist vom Thema her ganz ähnlich wie "Only When I Lose Myself" ("nur wenn ich mich in dir verliere, finde ich mich selber"). "Die Lieder sind ähnlich", nickt Gore. "Ich schreibe halt oft über Beziehungen. Schließlich ist da etwas, das mir nahe ist". Oft ist es so, daß es Künstlern peinlich ist, Dinge zu hören, die sie vor einem Dutzend Jahren gemacht haben. Welche Lieder kann Martin heute nicht mehr ausstehen? "Keine! Das ist aber Glückssache. Das letzte Stück auf der ersten Singles-Sammlung war "It`s called a heart" - das war das letzte Stück von uns, das ich nicht mochte. "Stripped" ist sowas wie der Moment, in dem wir erwachsen wurden". Man kann also kategorisch sagen, daß "Singles" nicht das letzte Depeche Mode Album wird? "Nun", erwidert Martin und wirkt dabei fast gekränkt, "wir haben ja schon mal eine Singles-Sammlung herausgegeben und danach noch ein paar Jährchen weitergemacht". Okay- aber der Schritt vom Studio zurück auf die Bühne könnte ja wieder einiges verändern. In der Tat wirkt es wie galoppierende Verrücktheit, angesichts der medizinischen Geschichte des letzten Ausfluges nochmal auf Reisen zu gehen... Auf die Frage hin lachen Martin und Fletch lauthals drauflos. Aber sie klingen dabei auch ein bißchen unsicher. "Ja, wir sind nervös", erklärt Fletch. "Sehr nervös sogar. Aber ich bin der Meinung, daß es gut ist, nervös zu sein. Wir haben gewisse Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Wir machen diesmal keine lange Tour. Vorerst geht`s bloß bis Weihnachten. Es war ja damals nicht das eigentliche Reisen, was uns Probleme bereitete, sondern die Endlosigkeit dessen, Wir hatten das Gefühl, daß wir bis ans Lebensende im Bus leben müßten! Ausserdem leben wir rundum alle etwas gesünder als damals. Diesmal wollen wir echt unseren Spaß an der Sache haben. Und dabei nicht die ganze Fahrt zu einer einzigen Party machen. Vielleicht sehen wir sogar endlich auch mal was von den Städten, die wir besuchen. Diese Veränderung hat auch etwas mit den Fans zu tun. Wir haben eine große Verantwortung - nicht nur den Leuten gegenüber, mit denen wir arbeiten. Auch den Fans gegenüber. Sie haben ihre Tickets vor Monaten für teures Geld gekauft. Ihnen schulden wir es, jeden Abend eine gute Show zu bieten. Nicht, daß wir das letztesmal nicht getan hätten. Nur hätten wir uns dabei ungefähr fünfzig Mal fast umgebracht!". Woraus wird diesmal das Programm bestehen? "Es werden vor allem die Singles sein, und zwei, drei ältere Sachen", so Martin Gore. Gibt es Veränderungen in der Präsentation? Martin: Wir haben zusätzlich zum Keyboarder, der Alan ersetzt, einen Schlagzeuger. Er heißt Christian Eigner und kommt aus Österreich. Er ist unglaublich hart und kompakt, verwendet viele Samples. Der Effekt ist echt interessant. Das gibt dem ganzen Sound einen frischen Anstrich". Geht es Dave gut? "Blendend!", strahlt Fletch. "Er kam eben aus New York zurück; wir gingen in den Übungsraum, und er sang gleich los, konnte jeden Track, fantastisch!". Martin fügt hinzu: "Wir verwenden diesmal auch Live-Computer, da können wir während der Show alles umstellen, wenn wir wollen. Es gibt sogar die Möglichkeit, ein Lied nach Belieben auszudehnen. Nicht, daß wir so etwas häufig tun werden, aber die Möglichkeit besteht eben!". Zum allgemeinen Bild des Wohlergehens steuert auch die Tatsache bei, daß die Tribute-LP in den USA und in Deutschland auf ein äußerst positives Echo gestoßen ist (in England ist sie derzeit noch nicht erschienen). "Es ist das größte Kompliment, das es für einen Songschreiber geben kann", sagt Gore. "Anders als bei einigen früheren Tribute-LPs, gefallen uns die Resultate diesmal sogar. Wir hatten mit dem Entstehen nichts zu tun, die Idee kam von einem Freund in Los Angeles. Er hielt uns auf dem Laufenden, schickte uns die Bänder, hätte gewisse Beiträge wohl auch gestoppt, wenn sieuns wirklich nicht gepaßt hätten. Aber so weit kam es überhaupt nie. Es ist ein schönes Gefühl, zu merken, daß meine Lieder nicht nur mit Computern nach etwas klingen. Am meisten überrascht hat mich die Lounge-Version von 'Master And Servant' von Locust. Tolle Sache!" Wie geht´s nach der Tournee weiter? Martin: "Für`s nächste Jahr ist noch nichts geplant. Überhaupt rein gar nichts. So arbeiten wir eben".