Und vorne hüpft der Rock'n' Roll
by Christoph Amend, taken from die Sueddeutsche Zeitung, 19th September 1998 (Munich, Germany)

Depeche Mode starten in Berlin ihre Deutschland-Tournee

Es war kurz vor halb neun Uhr abends am vergangenen Freitag, und es sah ganz so aus, als ob es ein bitterer Abend werden sollte für Berlin. Im Olympiastadion hatte ihr Fußballclub Hertha BSC bisher zwar ganz ordentlich gespielt, aber der Gegner Eintracht Frankfurt war trotzdem gerade in Führung gegangen 0:1. Ein paar hundert Meter entfernt, in der Waldbühne, sah es nur wenig besser aus. Seit einer Dreiviertelstunde langweilten sich die über 20.000 Besucher mit einer englischen Drum & Bass-Band. Aber dann schlug es halb neun, das Licht ging aus, die Vorband verschwand, und alles wurde gut.
Als das Licht wieder anging, kamen sie auf die Bühne, und sie wußten, daß sie sich hier niemandem mehr vorstellen mußten - Andrew Fletcher, Keyboarder; Martin Gore, Komponist all ihrer Hits; Dave Gahan, Sänger und Sexgott. Es ging los mit ihrem Klassiker "A Question Of Time", die 20.000 schrien, DEPECHE MODE waren in der Stadt! Und sie waren gekommen, um sich und ihre Fans an die Zeit zu erinnern, die man gemeinsam verbracht hat. 18 lange Jahre sind bereits vergangen, seitdem ein paar Jungs aus der britischen Kleinstadt Basildon sich zusammengetan hatten, um unter dem verklemmten Namen "Composition Of Sound" mit Keyboards und Drummaschinen Musik zu machen. Aber erst, als sie mit Dave Gahan ihren Sänger gefunden hatten und sich nach einem französischen Magazin Depeche Mode genannte hatten, machten sie sich auf ihren Weg.
Über den Zwischenstand 1998 läßt sich übrigens einiges sagen: in Zahlen ausgedrückt zum Beispiel über fünfzig Millionen verkaufter Platten. Aber ihr Einfluß ist ja größer. Sie haben als erste elektronische Musik ihr Live-Spiel perfektioniert. Sie haben auf den puren Spaß am Tanzen gesetzt, als noch niemand davon hören wollte. Und für eine halbe Generation waren sie die Band ihrer Jugend. In einer Zeit, als es noch Rocker gab, die sich auch mal Heavies nannten - und natürlich deren Feinde, die Fans von Depeche Mode, die Popper. Die trugen wie sie 501-er Jeans von Levi`s, schwarze Motorradstiefel und weiße T-Shirts. Auf ihren Jeansjacken hatten sie die Südstaatenflagge genäht, ihr Lieblingsfilm hieß Quadrophenia, und zu ihren Partys kamen sie mit getunten Vespa-Rollern. Es waren die achtziger Jahre, und Depeche Mode lieferten den Soundtrack dazu.
Und jetzt in Berlin? Hier startete ihre Tournee durch Deutschland, die sie bis Mitte Oktober durch alle großen Städte führen wird: "The Singles-Tour 86-98". Es erscheint natürlich gerade auch eine CD, die so heißt. Die Tournee ist so etwas wie ein Dankeschön für die Fans, als Wiedergutmachung für die Sorgen und Ängste, die sie durchzustehen hatten in den letzten Jahren, wenn es um die Zukunft ihrer Band ging - und um das Leben ihres Idols Dave Gahan. Der trieb sich in Los Angeles herum, nahm Heroin in rauhen Mengen, ließ sich mal scheiden, um mal wieder zu heiraten, und tat auch sonst nur ziemlich unvernünftige Dinge. Einmal wurde es richtig ernst: Doch Gott sei Dank überlebte Gahan seinen Selbstmordversuch. Und auch Musiker Alan Wilder verließ Depeche Mode im Streit; es schien, als sei die Band endgültig am Ende.
Keine leichten Zeiten also für ihre Fans, die nun aber in Berlin entlohnt wurden und eine Bühne sehen, die wie ein Geschenk daherkommt, als ob sie sagen wollten: Verzeiht uns die Dummheiten, hier sind wir wieder! Guten Abend, Berlin, are you ready?, wie Dave Gahan einmal fragt. Purpurne Vorhänge, in der Mitte eine Art Riesenbox mit Videoleinwänden, links und rechts daneben zwei noch größere Buchstaben, die mit Lichterketten versehen sind. Links ein "D", rechts ein "M" und davor die Band. Überhaupt das Licht: Nie zuvor wurde es in einem Open-air-Konzert so perfekt eingesetzt. Nie protzend, nie zuviel, aber immer passend, und besonders wenn die heftigen Beats der schnelleren Hits über die Lautsprecher liefen, gaben die Lichteffekte den Ton mit an.
Keine andere Band hat es wohl geschafft, in knapp zwei Jahrzehnten so viel Hits zu schreiben, daß sie die in einem Konzert gar nicht alle unterbringen kann, aber natürlich ist "Everything counts" als letzte Zugabe zu hören (falsch!>petra) und davor "Just can`t get enough", "stripped", "Walking in my shoes", "personal jesus", "A question of lust" und, und, und. Am Ende, nach eindreiviertel Stunden, stellt man fest, daß man kein fanatischer Depeche Mode-Fan sein muß -, trotzdem kennt man wirklich jedes Lied.
Live leben Depeche Mode vor allem von ihrem Sänger. Dave Gahan trägt Hemd und enge Lederhosen, und wie er so über die Bühne zu fliegen scheint-er rennt nicht, er tänzelt-, wie er sich umdreht und sein Becken in Richtung Keyboarder kreisen läßt, da macht er etwas, das seine Idole Kraftwerk in einem ihrer größten hits beschrieben haben: Computerliebe. Die Spannung besteht hier aus der Mischung: Hinten stehen die Maschinen (selbst der Schlagzeuger wirkt nicht wirklich menschlich), und vorne hüpft der pure Rock'n'Roll. Dave Gahan schnappt sich den Mikrophonständer und wirbelt herum, und manchmal tanzt er sich so in den Groove der Band, daß er sich biegt wie eine Kurve. Diese Mischung hat in den letzten Jahren auch auf den Platten von Depeche Mode stattgefunden. Die Gitarre, gespielt von Martin Gore, gehört mittlerweile zum festen Instrumenten-Repertoire der Band. Erst auf der letzten Platte "Ultra" haben sich Depeche Mode wieder mehr um das Tanzbare gekümmert und Tim Simenon als Produzenten gebucht, einen ehemaligen DJ, der Ende der Achtziger unter dem Pseudonym Bomb The Bass als einer der ersten Musiker Platten aufgenommen hatte, die ausschließlich aus Samples bestanden.
Der Einfluß von Depeche Mode auf die Entwicklung der Dancemusic, der wichtigsten Popmusik der letzten zwanzig Jahre, wird erst seit kurzem wirklich wahrgenommen. Und er ist vielleicht auch eher ein ideeller. Gesampelt wurde die Band nicht sonderlich oft, aber Musiker und DJs wie Air, Tricky, Todd Terry oder Derrick May, einer der Erfinder von Detroit-Techno, nennen immer auch Depeche Mode, wenn sie nach ihren Lieblingsbands gefragt werden.
Es ist die Haltung, die ihnen gefällt: Bringt den Computern das Tanzen bei. Und spätestens seit ihrer legendären Amerika-Tour, die sie durch die Football-Arenen des Landes führte und mit einem Auftritt in Pasadena vor 75.000 begeisterten Fans endete, ist klar, daß Depeche Mode perfekten Stadion-Pop machen. Die ausverkaufte Waldbühne ist dafür auch der perfekte Ort: Die Menge hebt die Hände in die Höhe, bewegt sie synchron hin und her und verschmilzt bei der Gelegenheit. Und wenn während der Balladen das Licht ausgeht und die Feuerzeuge an, man von der Tribüne über die Bühne hinaus in den Himmel schaut, dann blinken die Flugzeuge im Anflug auf Berlin, und in diesen Momenten kann keiner so recht sicher sein, ob nicht auch dort oben Fans von Depeche Mode sitzen mit Feuerzeugen in der Hand.
Es war viertel nach zehn Uhr an diesem Freitagabend, als Depeche Mode wieder verschwanden im Dunkel der Nacht, und es war doch noch ein wunderbarer Abend geworden für Berlin. Denn auch ein paar hundert Meter entfernt war der Jubel groß. Hertha BSC hatte sich nicht erschüttern lassen. Und am Ende sogar 3:1 gewonnen.