Depeche Mode
by Oliver Kuhn, taken from die Sueddeutsche Zeitung, 15th September 1998 (Munich, Germany)
Feiertag
Können Sie Ihrem Deo vertrauen? 8000 junge Menschen machten den Test. Zwei Stunden lang hoben sie die Arme und klatschten wie besessen. es ist der höchste Feiertag für brav gekleidete Kurzhaarträger - der Ostersegen für Popper: Nach fast fünf Jahren ist die Synthie-Band Depeche Mode zurück in der restlos ausverkauften Olympiahalle zur "The Singles Tour 86>98". Vor der Halle bieten verzweifelte Fans mehrere hundert Mark für eine Karte.
Es riecht nach Zitronen, Rosenblüten und Moschus, als unter helftigem Gekreische das geliebte Tutut-didid-tötötö aus dem Synthesizer krabbelt. Auf der Bühne leuchten nur zwei riesige Buchstaben: D undM. Davor gibt Sänger Dave Gahan heftig unterleibsorientierend den ersten Klassiker: "It`s a question of time". Fast wäre die Band an seiner Drogensucht zerbrochen. Wegen einer Überdosis Heroin war er im Mai 1996 für zwei Minuten klinisch tot. Jetzt trinkt er nur noch Wasser und schwänzelt mit dem Hintern, bis das Volk johlt. Der Video-Leinwand hinter ihm merkt man an, wie schwer es ist, die nicht gerade inhaltsschweren Lieder von Depeche Mode zu illustrieren: Da drehen sich mal Löffel, dann halbierte Äpfel, oder Bandmitglieder latschen einfach durch die Gegend. Mehr Show braucht es nicht, wenn man mehr als ein Dutzend Welthits spielt. Für die Fans ist es sowieso eher eine gigantische Karaoke-Veranstaltung mit Vorsänger. Jeder kennt die Songs und grölt mit: "Enjoy the silence", "Walking in my shoes", "stripped", "everything counts" (falsch!!!). Manchmal geht das Licht an, damit man kontrollieren kann, daß es tatsächlich niemanden im Rund gibt, der nicht die Arme schwenkt.
Y
Gegen Ende des Tanzmarathons teilt sich dann geruchsmäßig die Spreu vom Weizen. Die ersten Does versagen. Nach der dritten Zugabe weht eine herbe Brise unter den Achseln. Man könnte aber auch sagen, es riecht nach einem verdammt guten Konzert.